Kirchliche Trauung und Taufe
Birte und Daniel Friedrich
20. August 2005 in Gundernhausen

Predigt 1. Kor. 13, 2

Liebe Birte, lieber Daniel,

was bringt heutzutage zwei Menschen, die beruflich und privat erfolgreich sind, die geradewegs ihre Ziele anstreben, die nicht auf den Mund gefallen sind und nicht zwei linke Hände haben, die sich Studium, Reisen, Hobbies leisten können und sogar ein Haus, das nicht gerade in einer Low-Budget-Gegend liegt, die auf einen glücklichen, beeindruckenden, vielversprechenden Anfang miteinander zurückschauen und sich gemeinsam über ihr erstes Kind freuen, was bringt diese beiden dazu, sich einen Gottesdienst zu wünschen, um für sich und ihre Zukunft zu beten und Gottes Segen für die Familie zu erbitten?

Fast drei Jahre ist es her, dass Ihr zusammen gekommen seid. Gefunkt hatte es schon eher, jedenfalls bei Dir Birte, denn Du ertapptest Dich dabei, dass Du verdächtig oft die Arbeitsstelle Deiner Mutter aufgesucht hast, deren einer Kollege Dich in Unruhe versetzte. Aber Du hattest Respekt davor, dass der begehrte Mann nicht ungebunden war. Schließlich kam aber doch Eure Chance, und damit begann ein Weg, der zunächst mit dem wunderschönen Herbstag am 7. Oktober auf der Mathildenhöhe seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Ein nächster war der 31. Januar, an dem Marie Sophie geboren wurde. Wenn Ihr von Euch erzählt, dann erwähnt Ihr mit einem Augenzwinkern, dass Ihr alle drei „Wassermänner“ seid, aber Ihr seid viel zu aufgeklärt, um dem besondere Bedeutung beizumessen. Was viel wichtiger ist, sind die Erfahrungen, die Ihr miteinander gemacht habt: Ihr erinnert Euch an dieses unbeschreibliche Kribbeln, wenn Eure Blicke sich trafen, und sie lösten jene prickelnden Gefühle aus, die zwei Menschen unaufhaltsam aufeinander zu ziehen. Ihr habt beieinander das Glück gefunden, das wir gern mit dem Himmel auf Erden vergleichen, habt entdeckt: Bei dir fühle ich mich verstanden, bei dir fühle ich mich geborgen, bei dir fühle ich mich aufgehoben, ohne dich fehlt mir einfach etwas. Du gibst mir Freude, Du machst mir Mut. Ihr habt aber auch festgestellt, dass Euch nicht nur die schönen und glücklichen Augenblicke verbinden, sondern dass Ihr auch den Alltag gut miteinander managen könnt und es Euch gelingt, über alles miteinander zu reden, ja, auch sachlich miteinander zu streiten – Du, Birte, hast da viel dazu gelernt, wenn Du mal an die Diskussionen um die Wohnungs-Einrichtung denkst.

Was also führt Euch an diesen Ort, vor den Altar der Kirche, in der Du, Birte, vor neun Jahren konfirmiert wurdest? Was fehlt denn noch zu Eurem Glück?

So, wie ich Euch kenne und kennen gelernt habe, ist Euch bewusst, dass Ihr schon viel erreicht habt. Aber Euch ist auch bewusst, dass Ihr weiterhin unterwegs seid und niemals am Ziel – nicht nur, weil Du, Birte, Deinen Abschluss in Mosbach noch nicht in trockenen Tüchern hast. Gerade mit Marie Sophie wird es Euch so deutlich wie nie zuvor, welche Veränderungen das Leben bereit hält – und Ihr Leben ist ja ein fast noch unbeschriebenes Blatt. Und vor allem ist Euch bewusst, dass das Leben nicht allein daraus besteht, es zu diesem und jenem zu bringen, ein Ziel nach dem anderen abzuhaken und die Karriereleiter hinauf zu kraxeln. Und so kann jeder, der auf Eurer Homepage stöbert, ein Zitat von Antoine de Saint-Exupery nachlesen: „Man kann doch auf die Dauer nicht leben von Kühlschränken, Politik, Finanzen und Kreuzworträtseln. Man kann es einfach nicht. Mann kann doch nicht leben ohne Dichtung, ohne Farbe, ohne Liebe.“

Und letztere ist es, die allem erst einen Sinn gibt. Als hätte er sich das Hohelied der Liebe des Apostels Paulus, dessen Wortlaut wir nachher hören werden und aus dem auch Euer Trauspruch stammt, hat Günther Lazik die Worte formuliert, in denen für Euch zum Ausdruck kommt, worum es geht: „Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich./ Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos./ Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart./ Klugheit ohne Liebe macht gerissen./ Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch./ Ordnung ohne Liebe macht kleinlich./ Ehre ohne Liebe macht hochmütig./ Besitz ohne Liebe macht geizig. Glaube ohne Liebe macht fanatisch: Ein Leben ohne Liebe ist sinnlos.“

Ja, und Paulus, von dem der Autor sich vielleicht hat inspirieren lassen, der es sagt es nun in Eurem Trauspruch noch extremer und markanter: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (Kor 13,2).

Was für ein Wort! Prophetisch reden, das heißt den Gottes Willen kennen zu Vergangenheit, Vegenwart und Zukunft. Alle Geheimnisse kennen und alle Erkenntnis besitzen – Fachmann auf allen gebieten, dem nichts verborgen bleibt: Damit wäre er Deutschlands Kanzlerkandidat Nr. 1. Glaube, der Berge zu versetzen vermag: Kein Problem mehr, das nicht lösbar wäre. Und all das: Ein Nichts – ohne die Liebe.

Und machen wir uns klar, wovon Paulus spricht: Er kennt drei Worte für die Liebe – Eros, Philia und Agape. Eros, die erotische, die leidenschaftliche und begehrende Liebe, die Euch in den siebten Himmel zu heben vermag. Philia, die freundschaftliche Liebe, die Seelenverwandtschaft, das zueinander Passen und sich Verstehen und auf einander Verlassen können. Paulus gebraucht den dritten Begriff, die Agape, und das ist die Liebe, die keiner besser beschreiben kann als Paulus es tut: Die schenkende, verzeihende, heilende, stets nur wohlgesonnene Liebe, die Liebe, die die Bedürfnisse des anderen über die eigenen stellt, die ihn mit den Augen Gottes sieht.

Das mag philosophisch klingen, ist aber alles andere als Theorie. Wenn Ihr Marie-Sophie anschaut und Eure Empfindungen beschreiben wolltet, so genügten die schönsten Worte nicht. Die Liebe, von der Paulus spricht, ist die Liebe, die nicht anders kann, als für den anderen das Beste zu wollen und das Beste zu tun – und zwar ohne Gegenleistung. Solche Liebe soll Marie-Sophie gelten auch dann, wenn Sie kein kleines Kind mehr sein wird.

Und solche Liebe soll zuallererst auch Eure Ehe regieren. Was wäre das für eine Liebe, die nur die angenehmen Seiten der Zweisamkeit akzeptieren kann, und wie lange würde sie halten, wenn es mal im Getriebe knirscht?

Paulus würde sagen: Eine Liebe, die vor den schwierigen Dingen des Lebens ausweicht, kann niemals größer sein als der Glaube, der Berge versetzt. Die Liebe, die sogar solchen Glau­ben in den Schatten stellt, die macht keinen Bogen um die kritischen Momente, denn ihre wunderbare Kraft liegt darin, dass sie nicht an sich selbst denkt, sondern an den anderen. Nie fiele es ihr ein, vor dem „Beziehungsstress“ zu kapitulieren, denn durch gar nichts lässt sie sich beirren in ihrem Willen, für den anderen da zu sein, den Partner anzunehmen ohne wenn und aber, mit ihm eins zu sein im Glück und im Leid, sich ganz und gar und ohne Hintertürchen auf den anderen einzulassen und gemeinsam durch Dick und Dünn zu gehen.

Das geht, sagt Paulus, das geht, obwohl wir Menschen eigentlich so gebaut sind, dass unsere Kräfte sich verschleißen und unsere Vorsätze sich abnutzen und unsere Gefühle abkühlen und unsere Versprechen mürbe werden: Darum, weil diese Liebe von Gott her kommt. Seine Liebe ist es, die dahinter steckt, seine überwältigende und unerschöpfliche Liebe. Diese Liebe, die nie und nimmer aufhört, zur Versöhnung bereit zu sein, zur Suche nach einem neuen Anfang. Nicht aus unserem dürftigen Vorrat an Begeisterung füreinander kommt wahre Liebe, sondern aus dieser unendlichen Leidenschaft Gottes zu uns Menschen.

Da genügt als Fundament nicht die Vereinbarung: Bloß kein Beziehungsstress. Da braucht es nicht Liebschaft, sondern Liebe, da braucht es nicht nur Liebesglück, sondern Belastungsfähigkeit, sonst wäre es trotz Ja-Wort nichts anderes als ein Genuss – und Genuss ist eine Sache auf Zeit. Die Liebe weiß, dass auch Stress nicht ausbleibt, und deswegen geht sie ihm nicht aus dem Weg, und deswegen zerbricht sie auch nicht an ihm.

Auch Ihr, Du und Du, werdet um Tiefpunkte nicht herumkommen. Du wirst mal Ärger haben, du wirst mal krank sein, du wirst mal ein verletzendes Wort sagen, du wirst mal laut die Tür hinter dir zuschlagen. Dir wird über dem Unfug, den dein Kind treibt, der Geduldsfaden reißen, und der Ärger wird dir unüberlegte Dinge auf die Zunge legen. Wenn du dich auch noch so mühst, den Streit zu meiden: Du bist ein bleibst ein Mensch. Aber gerade da setzt ja die Liebe an: Es gehört wenig dazu, in Zeiten des Glücks beieinander zu bleiben. Es gehört schon mehr dazu, einen neuen Anfang zu machen, wenn es mal gekracht hat. Und das kann nur die Liebe.Aber da hat die Liebe schon ganz anders gemeistert – wenn es echte Liebe war. Ja, da ist Liebe auch Arbeit, aber Gottes Liebe macht es möglich. Auf sie kommt es an, denn alles andere zählt ohne sie nicht: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“



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